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Abwarten und Tee trinken

"Abwarten und Tee trinken - oder: in der Ruhe liegt die Kraft... Leben mit mehreren Hunden"

Vorgeschichte

Manchmal sieht man den Wald vor Bäumen nicht, manchmal ist man so betriebsblind, dass man Veränderungen nicht bemerkt.

Leia, Oscar, Emmy und Nero leben offiziell seit gut 3 Monaten zusammen, aber der Prozess davor, das „immer öfter und länger hier zusammen sein“ dauert ja nun fast 2 Jahre an. Zwischendurch fiel dann noch der kleine Jack meiner Tochter Jule in den Arm und stieß zur Gruppe dazu.

Was mir sofort auffiel und was ich als sehr anstrengend empfand war die Unruhe und aus meiner Sicht mangelnde Impulskontrolle, die die beiden Dazugekommenen bei der sozialen Interaktion mit den anderen beiden Hunden an den Tag legten. Erst schob ich das auf die neue Situation, dann aber bekam ich mit, dass in dieser Hinsicht nie Einfluss auf ihr Verhalten genommen worden ist.

Das Ergebnis war ein Nero, der es gewohnt war alles zu bekommen und eine frustrierte Emmy, die eh immer das Nachsehen hatte und deswegen zum Teil schon im Vorfeld aggressiv reagierte, wenn Ressourcen in Aussicht waren.

Nero ist sowieso einer der impulsivsten Hunde, den ich je kennen lernen durfte. Noch heute mit seinen 9 Jahren lässt er einem manchmal mit seiner Reaktionsgeschwindigkeit den Atem stocken. Immer und überall muss er der erste sein und seine Nase rein stecken. Dazu kommt dann noch eine gehörige Portion Grobmotorik. Da er nicht gerade ein schächtiger Hund ist, ist diese Eigenschaft manchmal auch gefährlich.

Emmy kam zu Nero dazu, als der 4 Jahre alt war. Es waren damals noch Kundenhunde :) … und Ich habe damals wirklich von einem Terrier als Zweithund abgeraten, weil doch schon Nero so ein reaktiver Hund war.

Die Gedanken im Hintergrund

Wenn man seinen Hund belohnt, wenn man Wurfspiele mit seinem Hund macht, wenn man seinen Hund streichelt  und man hat nur einen Hund, dann gibt es da wenig Probleme. Interessant wird es dann, wenn ein weiterer fremder Hund dazu kommt (irgendwo unterwegs) oder wie in unserem Fall, die Hunde zusammen leben als feste Gruppe.. Wenn Hunde nie gelernt haben zu teilen, wenn sie es nicht kennen, dass der Mensch die Verantwortung für Einteilung der Ressourcen übernommen hat und sie statt dessen ihre Ressourcen erkämpfen und verteidigen müssen, so sind Konflikte vorprogrammiert.

Die Bereitschaft zur Ressourcenverteidigung ist bei Hunden unterschiedlich stark ausgeprägt. Es gibt unter „Fachleuten“ (das ist nicht generell abfällig gemeint, nur gibt es zu viele Menschen, die sich selbst zu dazu ernannt haben) die unterschiedlichsten Meinungen. Die einen sagen, dass Hunde  das schon unter sich ausmachen und man sich da nicht einmischen soll. Andere sagen wiederum, dass man immer den Ranghöchsten bevorzugen muss, weil man sonst Rangordnungskämpfe provoziert.

Ich hatte mit diesen Meinungen schon immer ein bis zwei Probleme. Das erste Problem war, dass ich ein sehr harmoniebedürftiger Mensch bin, ich mag es nicht, wenn zwei, die mir nahe stehen, sich streiten. Ich kann damit nicht leben, es bereitet mir quasi körperliche Schmerzen. Wenn ich aber den ranghöchsten bevorzugen soll … welcher Hund ist das?  Wirklich der Hund, der immer alle andren zur Seite drängt, schubst und knurrt? Oder ist nicht genau dieses Verhalten als asozial zu interpretieren?

Menschen machen Beobachtungen, sie sehen, wie Hunde miteinander interagieren. Doch die  daraus entstehenden Interpretationen und Schlussfolgerungen unterscheiden sich zuweilen erheblich, je nach subjektiven Vorerfahrungen und Meinungen. Davon kann sich kein Mensch frei machen.

Ich für mich habe irgendwann – zuerst  unbewusst¹ -  beschlossen, soziales Verhalten bei den mir anvertrauten Hunden zu etablieren.

Die Praxis  -  Oscar und Chico

Ich bin zuweilen ein ziemlich chaotischer Mensch, was bedeutet, nicht immer hab ich meine Gedanken zusammen oder meine Handlungen unter Kontrolle. Da kann mal essbares zu Boden fallen oder beim Hunde belohnen passe ich nicht immer auf, was ich da mache.

Erste gute Erfahrungen konnte ich sammeln in der Zeit, als ich den Hund meiner damaligen Schwiegereltern immer auf meinen Gassirunden mit Oscar mitnahm. Chico war ein Deutsch Drahthaar. Wenn mir mal ein Stück Futter zu Boden fiel, stürzte sich Chico sofort ohne Rücksicht auf Verluste darauf, zuweilen sehr lautstark.

Oscar ist ein sehr sozialer Hund, der sich niemals um ein Stück Futter prügeln würde, bescheiden verzichtet er lieber darauf. Aber mich hat Chicos Verhalten gestört. Intuitiv wußte ich, dass nicht Chicos Verhalten förderungswürdig war, sondern Oscars.

Ich habe damals angefangen, gezielt Chicos „abwarten“ zu trainieren. Ich warf Futter auf den Boden und hinderte Chico daran, es zu nehmen (ich stellte mich dazwischen oder hielt meine Hand davor). Für den Verzicht wurde er fürstlich belohnt. Der Erfolg stellte sich sehr schnell ein. Fiel Futter zu Boden und Oscar war näher dran, so schaute mich Chico sofort an bzw. kam zu mir und holte sich seine Belohnung ab. Nie wieder gab es Zank.

Die Praxis  -  Oscar und Leia

Als Leia in Oscars und mein Leben kam, hatte ich zum ersten mal einen Hund, der Dinge gerne und schnell in Besitz nahm. Streicheleinheiten, Futter, Spielzeug, Holzstöckchen … alles wollte sie zuerst und alleine  haben. Mein armer Oscar hätte nur noch dumm aus der Wäsche geschaut, hätte ich sie gewähren lassen. ABER:

  • Sie hat gelernt, dass sie warten muss, wenn ich einen anderen Hund streichle, dann ist sie dran.
  • Sie hat gelernt, wenn ein Ball fliegt und ein anderer Hund ist näher dran, die Hetze von alleine  abzubrechen (obwohl sie wirklich ein Balljunkie ist).
  • Sie hat gelernt, dass es manchmal Dinge gibt, die nie für sie sind. Wenn ich mit meinen Hunden am See spiele, wird für Oscar eine quietschende 1000 Kilo-Hantel geworfen und Leia bekommt ihren Ball, egal, was ich zuerst werfe. Und es ist kein Problem, wenn andere Leute für Ihre Hunde Bälle werfen, sie weiß, dass sie das nichts angeht.
  • Sie hat gelernt, wenn Oscar (oder ein anderer Hund) etwas hat oder trägt, so wird es ihm nicht weg genommen.
  • Sie hat gelernt, bei der Belohnungsverteilung zu warten, bis sie dran ist.

Abgesehen davon, dass diese Verhaltensbeeinflussung wirklich ein harmonisches Zusammenleben garantiert, so übertrug Leias Verhalten auch auf Interaktionen mit anderen Hunden. Wenn wir auf Hunde trafen oder treffen, die sich nicht so „wohlerzogen“ verhalten und Leia Spielzeug wegnehmen (sie streitet sich nicht mit erwachsenen Hunden) so bekomme ich einen hilfesuchenden Blick von ihr …

Die Praxis  -  Oscar, Leia, Nero und Emmy

Gut, nun hatten wir hier also 4 (oder je nach Lebensumständen auch 5) Hunde auf einen Haufen. Und wie schon gesagt, die zwei dazu gezogenen kannten es nicht, das etwas eingeteilt wird.

Jack machte in dieser Hinsicht keine Probleme, er war in dem ganzen Chaos groß geworden und kennt es nicht anders, dass er warten muss, bis er dran ist.

Nun war Konzentration und Konsequenz angesagt.

Da Nero derjenige Hund war, der sich immer und überall vordrängelte und dabei noch jegliche Individualdistanzen unterschritt, musste er sich ab sofort hinten anstellen und dabei noch Abstand halten. Emmy wurde unbürokratisch irgendwo zwischendrin eingetaktet.

Manchmal sieht man den Wald vor Bäumen nicht, manchmal ist man so betriebsblind, dass man Veränderungen nicht bemerkt.

Gestern hatten wir die verrückte Laila mit zum Spaziergang. Es waren also 6 Hunde unterwegs. Für Laila sind Dinge wie Feinmotorik und Impulskontrolle ein Fremdwort.

Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Da fiel mir auf wie sehr sich Nero und Emmy verändert haben.  Aus diesem zusammengewürfelten Haufen ist eine harmonische, sich gegenseitig vertrauende Hundegruppe geworden. Seufz.

 

¹ – habe die Richtigkeit dieses Vorgehens nach der Lektüre von folgenden Büchern bestätigt gesehen:

  • Patricia B. McConnell, „Einmal Meutechef und zurück“
  • Jean Donaldson, „Meins!“

gruppe

"von links nach rechts: Nero, Emmy, Leia, Oscar und Jack"